Wie müsste ein „gehirngerechtes“ Lernen – auch ausserhalb
der Schule – Ihrer Meinung nach aussehen?
Spitzer:
Wir wissen heute, dass unser Gehirn auf eine ganz be-
stimmte Art und Weise lernt. Das Gehirn ist kein Kassettenrekor-
der oder Videogerät, das alle Einzelheiten abspeichert. Es macht
etwas viel Schlaueres. Nehmen Sie zum Beispiel ein Baby, das
Laufen lernt. Es zieht sich irgendwo hoch und fällt hin, immer
wieder – über Wochen und Monate. Dabei merkt sich das Baby
aber nicht jeden einzelnen Plumpser, sondern das Gehirn schickt
Impulse zu bestimmten Muskeln und lernt, wie man oben bleibt.
Dabei legt unser Gehirn so genannte Gedächtnisspuren an, die
man sich wie Trampelpfade vorstellen kann und die im Laufe der
Zeit immer besser funktionieren. Solche Pfade entstehen aber
nicht, wenn man Fakten auswendig lernt. Sie entstehen, wenn
man als Mensch Erfahrungen sammelt – mit dem Körper, mit
allen Sinnen und Emotionen, die dabei im Spiel sind. Genau
das kommt in der Schule viel zu kurz.
„Sie sind Ihr Gehirn“
Manfred Spitzer
ist einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. In zahlreichen
Bu
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chern und Vorträgen setzt er sich unter anderem fu
̈
r eine neue Lehr- und Lernkultur
ein, die sich an den Ergebnissen der Hirnforschung orientiert. Wie unser Gehirn lernt,
welchen Zusammenhang es zwischen Sport und gesteigerten Denkleistungen gibt
und warum ausreichend Schlaf so wichtig ist, erklärt der Neurowissenschaftler im
Interview.
Interview
trends in automation
: Herr Professor Spitzer, Sie beschäftigen
sich seit Ende der 1980er Jahre mit der Erforschung des Gehirns.
Was fasziniert Sie so an diesem Organ?
Prof. Manfred Spitzer:
Eine ganze Menge. Zunächst einmal ist
das Gehirn das einzige Organ, bei dessen Transplantation Sie
lieber Spender als Empfänger wären. Ein anderes Gehirn will
keiner, selbst wenn dieses über reichlich Wissen verfügen würde.
Das Gehirn ist Ihre Identität. Sie sind Ihr Gehirn. Würde man Ihnen
ein neues einpflanzen, wären Sie nicht mehr Sie selbst.
Das wiederum hat einen ganz wichtigen Grund. Das Gehirn
ändert sich dauernd, und zwar dadurch, dass es Erfahrungen
macht. Bei allem, was wir tun – Wahrnehmen, Denken, Fühlen
oder Handeln – laufen elektrische Impulse über etwa 100 Milli-
arden Nervenzellen, die durch etwa eine Million Milliarden
Synapsen miteinander verbunden sind. Diese Verbindungen
verändern sich andauernd, wenn sie mit Informationen gefüttert
werden. Das heisst: Unser Gehirn verändert sich durch seinen
Gebrauch. Faszinierend daran ist für mich auch, dass wir dank
modernster Scanner-Technologie heute sehr genau untersuchen
können, welche Emotionen und sozialen Einstellungen mit
welchen Gehirnaktivitäten korrelieren. Wenn Sie so wollen,
schauen wir dem Gehirn bei der Arbeit zu. Daraus lassen sich
viele neue und spannende Erkenntnisse ableiten.
Das tun Sie ja auch, indem Sie behaupten, dass die Art und
Weise, wie Wissen beispielsweise in der Schule vermittelt wird,
den aktuellen Erkenntnissen der Hirnforschung zuwiderläuft.
Spitzer:
Wenn Sie wie ich Kinder in der Schule haben, sich den
ganzen Tag mit Lernprozessen beschäftigen und dann sehen,
was in der Schule passiert, dann werden Sie wahnsinnig. In der
Schule heisst es oft immer noch: Hier sind die Fakten und die
lernst du jetzt! Das ist aber der falsche Weg, weil mich Fakten
ohne Kontext nicht interessieren, weil ich sie im wahrsten Sinne
des Wortes nicht begreifen kann. Das heisst: Vom Gehirn aus
gesehen sind die Rahmenbedingungen in der Schule oder in
anderen Lehreinrichtungen dem Lernen nicht förderlich.
Zur Person
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Manfred Spitzer ist seit 1997 Professor für Psychiatrie und
ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in
Ulm. 2004 gründete er das Transferzentrum für Neurowis-
senschaften und Lernen (ZNL), das pädagogische Konzepte
auf der Grundlage von aktuellen Erkenntnissen der Gehirn-
forschung entwickelt. Spitzer war Gastprofessor in Harvard
sowie am Institute for Cognitive and Decision Sciences an
der Universität von Oregon. Zwischen 1990 und 1997 arbei-
tete er als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik
in Heidelberg. Der renommierte Hirnforscher ist Autor zahlrei-
cher populärwissenschaftlicher Bücher und Fernsehmodera-
tor der Sendereihe „Geist und Gehirn“ auf BR-alpha, von der
mittlerweile mehr als 170 Folgen ausgestrahlt worden sind.
www.znl-ulm.de