Technologievergleich

Die Mischung macht´s  

Technologievergleich - die Mischung macht´s

Was ist energieeffizienter: Elektrik oder Pneumatik? Wo liegen die Vorteile der einen Technologie gegenüber der anderen? Daniel Ditterich erklärt im Interview die aktuelle Sichtweise und wie beide Technologien zusammen funktionieren können.

Daniel Ditterich

Daniel Ditterich
Innovation and Technology Management bei Festo

„Um eine optimale Lösung zu finden, muss man immer wieder die Situation neu betrachten“

Herr Ditterich, welchen Technologieansatz verfolgen Sie und wie lautet Ihre Antwort auf die Frage: Elektrik oder Pneumatik?

Elektrik oder Pneumatik? Schwarz oder weiß? Fahrrad oder Auto? Die meisten Entscheidungen hängen von der jeweiligen Anwendung, Gebrauch oder Einsatz ab. Man entscheidet sich ja auch nicht für das Fahrrad wenn es um die Urlaubsreise in den Süden geht. Eine Verallgemeinerung bringt auch bei der Fragestellung „Elektrik oder Pneumatik“ nichts. Man muss immer wieder die Situation neu betrachten, um eine neue optimale Lösung zu finden.

Die Stärke von Festo besteht ja nun darin, dass Sie beide Technologien im Hause haben und dass beide verfügbar sind, oder?

Das trifft zu. Festo verfügt in beiden Bereichen über ein sehr großes Produktspektrum. Wir können daher die Anwendung auch mit Blick auf beide Alternativen kompetent und technologie-neutral betrachten und dem Kunden mehrere Optionen vorstellen.

Energieeffiziente Anlagen erhöhen die Produktivität, senken die Kosten und schonen Ressourcen – und werden damit für die Betreiber immer wichtiger. Viele Kunden benötigen hier eine systematische Unterstützung. Für Festo ist das ein wichtiges Zukunftsfeld.
Energieeffiziente Anlagen erhöhen die Produktivität, senken die Kosten und schonen Ressourcen – und werden damit für die Betreiber immer wichtiger. Viele Kunden benötigen hier eine systematische Unterstützung. Für Festo ist das ein wichtiges Zukunftsfeld.

Konkret nachgefragt: Was empfehlen Sie einem Konstrukteur, der eine typische Handlingsaufgabe angeht?

Es ist sehr wichtig, die Anwendung möglichst genau zu kennen. Die erste Frage lautet daher: Wie sieht die Aufgabenstellung aus? Dann geht es um die gefragten Funktionen: Sind nur Bewegungen erforderlich oder kommen auch Press- und Haltevorgänge hinzu, bei denen Kräfte aufgebracht werden? Bei letzerem eignet sich häufig eine pneumatische Vorrichtung, denn hier gilt es, eine Kraft in der Endlage ohne zusätzlichen Energieaufwand aufbringen zu können. In einer Anwendung ohne Haltefunktion in der Endlage bei längeren horizontalen Bewegungen kann sich hingegen die Elektrik besser eignen.

Welche Sichtweise dominiert aktuell: Blicken die Kunden heute bei neuen Produkten eher durch die „Kostenbrille“ oder eher durch die „ökologische Brille“?

Die ökologische Sichtweise ist in den letzten Jahren bei vielen Anwendungen und Kunden immer wichtiger geworden, sei es aus Imagegründen oder Umweltbewusstsein. Oftmals überwiegt dennoch die Kostensicht. Wir sind der Meinung, man sollte beides im Blick haben. Bei den Kosten versuchen wir zu verdeutlichen, dass es keinen Sinn ergibt, nur auf Anschaffungs- oder Energiekosten zu achten. Sinnvoller ist dagegen, ganzheitlich die Gesamtkosten und das Umfeld zu betrachten.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Risiken?

Viel zu oft wird noch ein falsches Bild der beiden Technologien vermittelt oder es werden nur einzelne Aspekte einer Technologie in den Vordergrund gestellt. Dies führt oftmals zu einem einseitigen Wissen und schafft ein unvollständiges Bild für elektrische oder pneumatische Antriebe. Die sinnvolle Kombination beider Möglichkeiten kommt hierbei teilweise zu kurz. Wir fokussieren uns daher auf die individuelle Fragestellung des Kunden und betrachten neutral alle Lösungsansätze, um ihm dann die Entscheidung zu überlassen. Es gibt neben Kosten, Effizienz und ökologischen Gründen auch andere Faktoren, die wir mit dem Kunden gemeinsam evaluieren und berücksichtigen.

Die besten Eigenschaften der elektrischen und pneumatischen Antriebe zu kombinieren ist manchmal die beste Lösung.
Die besten Eigenschaften der elektrischen und pneumatischen Antriebe zu kombinieren ist manchmal die beste Lösung.

Welche Faktoren meinen Sie damit? Haben Sie dazu ein Beispiel aus der Praxis?

Eine Wäscherei trennt und sortiert die Wäsche mit einer pneumatischen Anlage. Aus dem Anforderungsprofil ergaben sich zwei technisch sinnvolle Varianten – eine mit elektrischen Antrieben und eine mit pneumatischen. Trotz einer möglichen Energieeinsparung beim Einsatz der Elektrik entschied sich die Wäscherei für die Pneumatik. Die Entscheidung dafür brachte ein sehr simpler aber sinnvoller Grund – bei einem Ausfall konnte immer noch ein Mitarbeiter die Anlage wieder in Gang bringen. Bei einem elektrischen Antrieb wäre dies für den normalen Mitarbeiter nicht machbar. An die Elektrik traut sich keiner dran. Diese Applikationen zeigen uns auch immer wieder, wie individuell jede Anwendung ist und dass es keine Allround-Lösung gibt.

Die Botschaft lautet also: Es gibt keine Patentrezepte?

Ja, denn es gilt, jeden Einzelfall sehr genau zu betrachten. Nur die Anwendung bzw. der Anwender entscheidet, welche Technologie die Richtige ist.

Was halten Sie davon, die Eigenschaften aus beiden Technologien zu kombinieren?

Sehr viel. Bei einer Aufgabenstellung für eine Verpackungsmaschine konnten wir auf unser Applikationswissen und unser Produktspektrum mit pneumatischer und elektrischer Automatisierungstechnik zurückgreifen. Bei dieser Anwendung übernimmt ein Förderband das Produkt und bewegt dieses zu einem zweiten Förderband und legt es mit einer Verpackung wieder ab. Dabei findet eine horizontale Bewegung in Verbindung mit einer senkrechten Bewegung statt. Wir haben die drei Varianten: pneumatisch, elektrisch oder pneumatisch-elektrisch für diese Anwendung untersucht. Der Technologiemix aus einem pneumatisch-elektrischen Antrieb erwies sich als der optimale Mix aus Effizienz, Kosten, Flexibilität und Leistungsfähigkeit.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ditterich!